Zwei Fäden, ein Feld
- 4. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Feb.
Ach, letzte Woche sind zwei Szenen die sich in sich berühren. Ich nenne sie Fäden, weil sie sich wie Fäden ineinander verweben.
Faden Eins: Der Tisch
Der Zug fährt nach Zürich.Eine Stimme in meinen Kopfhörern spricht über Ausrichtung und Wahl, interessiert höre ich zu. Während draussen die Landschaft vorbeigleitet. Nichts Besonderes, es ist ein Nachmittag, der zu einem Abend wird.
Meine Freundin vergisst unser Treffen. Sie dachte es wäre Ende nächsten Monat.
Als sie anruft, entschuldigend, merke ich, dass sich in mir nichts zusammenzieht. Die Verzögerung öffnet Raum, statt ihn zu schliessen. Ich gehe durch die Geschäfte und kaufe Geburtstagsgeschenke. Die Zeit ordnet sich neu, ohne zu fragen.
Später sitzen wir im Restaurant, wo sie gerne hingeht. Einfaches Essen. Gewöhnliche Tische. Ein Ort, an dem viele Arten von Menschen sein dürfen, wie sie sind.
Eine Frau, sichtlich innerlich genervt, tigert um den Tisch herum, bis sie sich schliesslich mit einer Wucht hinsetzt. Sie strahlt eine passive aggressive Haltung aus.
Mein Körper bemerkt es, bevor meine Gedanken es tun. Ihre Art erweckte die Wachsamkeit. Sie sitzt schräg gegenüber von mir. Ich denke noch, ach zum Glück nicht neben mir. Ein Teil von mir will Abstand, Bewegung, Kontrolle. Der vertraute Reflex: auf der Hut sein.
Ich, wir beide, bleiben sitzen.
Ich bringe meine Aufmerksamkeit zurück zu meiner Freundin. Immer wieder. Nicht angestrengt, eher geduldig. Wenn meine Wahrnehmung zur Frau wandert, bemerke ich es und kehre zurück. Nichts muss benannt oder repariert werden.
Irgendwann stelle ich mir leise ein Feld von Ruhe um mich und den Raum vor. Nicht zum Schutz oder um etwas fernzuhalten. Einfach, um da zu bleiben.
Die Frau spricht undeutlich, Tonfall sehr genervt. Dann beschuldigt sie uns. Später fordert sie laut, dass wir gehen sollen. Ich antworte nicht. Ich sehe sie an und schaue weg, ich, wir bleiben.
Schließlich steht sie auf, knallt ihr Glas auf den Tisch, welches in Scherben zerspringt. Packt ihre Tasche und schwingt sie zu weit, dass sich die am Tische nebenan ducken (zum Glück rechtzeitig) und verlässt den Raum.
Der Raum atmet aus. Der Kellner und die Menschen an den Tischen nebenan erkundigen sich, ob alles in Ordnung sei. Jaja, alles gut, nichts geschehen, die Scherben haben mich nicht erwischt. Der Kellner zuckt sanft mit den Schultern, sie ist manchmal hier. Er gibt eine mögliche Erklärung doch ist sich dessen nicht sicher.
Was bleibt, ist nicht ihr Verhalten.Es ist die Tatsache, dass ich mich selbst nicht verlassen habe.
Faden Zwei: Der dunkle Raum
Der nächste Tag beginnt still.
Ich leite eine Meditation, doch es fühlt sich an, als würde ich selbst geführt. Die Holzschlange erscheint, nicht als Symbol, das entschlüsselt werden will, sondern als Bewegung des Abstreifens. Etwas löst sich. Etwas Altes gleitet ohne Aufheben ab.
Dann kommt das Feuerpferd.
Wir sind im Dunkeln. Ich beeile mich nicht, Licht hineinzubringen. Das Dunkel wirkt nicht feindlich. Es wirkt eher unfertig. Das Pferd steht da, fest, atmend.
Als ich näher komme, sehe ich links einen Weg. Er führt vorwärts, steigt an und windet sich dann spiralig nach unten. Ich erkenne ihn sofort. Diesen Weg bin ich schon oft gegangen.
Ich will ihn nicht.
Das Pferd stupst mich sanft an, auf die andere Seite zu schauen. Dort sind viele Wege. Sie liegen im Dunkeln, sind aber durchzogen von kleinen Lichtfunken. Keiner ist ganz sichtbar. Keiner verspricht Sicherheit.
Ich steige auf das Pferd und spüre Kraft tief im Körper – Becken, Beine, Schwerkraft. Wir bewegen uns schwebend über einen der dunkleren Wege. Während wir gehen, sehe ich, wie die Wege unter der Oberfläche miteinander verbunden sind. Es gibt unterschiedliche Einstiege, Abzweigungen, die verbinden und alle in die gemeinsame Richtung führen.
Es wird klar, dass es nicht darum geht, richtig zu wählen.
Sondern darum, nicht immer wieder das zu gehen, was ich bereits in- und auswendig kenne.
Weit vorne ist Licht. Ich spüre mehr als ich es sehe, es ist (m)ein zukünftiges Selbst. Es ruft nicht, es erklärt nichts. Es ist einfach da und lächelt mir zu.
Wo sich die Fäden berühren
Später taucht Irritation auf – nicht dort, wo ich sie erwarte.
Nicht bei der Frau im Restaurant.
Nicht bei meiner Freundin.
Sondern bei einer Nachricht meiner Tochter, die die Uhrzeit eines Familientreffens ändern möchte. Diese kleine Änderung, die absolut verständlich ist und doch spannt sich mein System an.
Auch das fühlt sich eher wie Information an als wie ein Fehler.
Vergleichen schleicht sich ein. Unauffällig. Gut getarnt. Wie vertraute Wege nicht nur aussen existieren, sondern als innere Gewohnheiten von Wert.
Der Abend in Zürich spiegelt das genau:
Unruhe am Tisch, der Impuls zu gehen, die Möglichkeit zu reagieren und die leisere Option zu bleiben, anders zu wählen, ohne daraus etwas zu machen.
Solche Momente kommen nicht, um zu prüfen oder zu bestrafen.
Sie kommen als Antworten.





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